… feiern und archivieren
Am kommenden Donnerstag, der Vorhersage nach wird es weiterhin spätsommerlich warm sein, beginnt man in der toskanischen Citta’ del Diario Pieve Santo Stefano bereits zum 24. mal, das Tagebuch als ebenso lebenshaltige wie kunstvolle Schreibform zu feiern. Zum Höhepunkt des Festes Memorie in Piazza versammeln sich nicht nur Diaristinnen und Diaristen aus ganz Europa, sondern ebenso die italienische Prominenz aus Literatur, Film und Wissenschaft. Barbara Bronnen hat darüber ein schönes Buch geschrieben, in dem sie entlang einer Reise nach Pieve Santo Stefano den Grundmotiven des Tagebuchschreibens nachgeht (Die Stadt der Tagebücher. Vom Festhalten des Lebens durch Schreiben, Frankfurt M. 1996).

Vergegenwärtigt man sich die Gründungsgeschichte des Archivio Diaristico Nationale (http://www.archiviodiari.it), etwa im Seitenblick auf seine ‚kleine Schwester’, das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen (über das Tine Nowak in diesen Tagwerken schon berichtet hat), dann verrät das einiges über kulturelle Mentalitäten. Saverio Tutino, der Initiator und Leiter der Institution, begann nicht mit einem Appell, die heimischen Ego-Dokumente im öffentlichen Archiv einlagern zu lassen, sondern er schrieb einen Preis für das interessanteste Tagebuch oder autobiografische Schriftstück aus. Dabei war es bezeichnenderweise kein Thema, ob dem Lesen fremder Tagebücher nicht etwas Voyeuristisches eigne, vielmehr stellte Tutini die Maxime voran: „Was geschrieben ist, will gelesen werden“. Die Grundidee dieser Form von Veröffentlichung ist durchaus mit dem Selbstverständnis vieler Blogger vergleichbar, denn es geht ausdrücklich darum, solche Aufzeichnungen zugänglich zu machen, die sich der „Logik des Marktes entziehen“. Und dieses Konzept hat von Anfang an funktioniert, so dass das Archivio bis heute jährlich 200 bis 300 Einsendungen von Tagebüchern und anderen autobiographischen Dokumenten wie Briefen und Lebenserinnerungen erhält. Auch außerhalb der Festwoche führt das Archivio ein äußerst gastliches Dasein, denn seine Bestände wurden und werden nicht nur Gegenstand von über 400 wissenschaftlichen Studien, sondern sind ebenso beliebtes Recherchefeld für DrehbuchautorInnen und JornalistInnen.

Die Einsendungen werden in einem aufwendigen Verfahren erst transkribiert und von mehreren Lektüregruppen gesichtet und begutachtet. Dabei wird in mitunter äußerst kontroversen Diskussionen eine Vorauswahl von etwa 20 Büchern für die Jury aus Literatur, Medien und Wissenschaft, in der noch Berühmtheiten wie die Schriftstellerin Natalia Ginzburg oder der Historiker Paolo Spriano mitgewirkt hatten. Im Zentrum des Festes steht dann eine öffentliche Lesung der Preisträger auf dem Markplatz. Das prämierte Buch wird dann sorgfältig in einem renommierten Literaturverlag ediert. Um ein Beispiel zu nennen: Die Landarbeiterin Clelia Marchi hatte 1985 nach dem Tod ihres Mannes ihr Leben mit Kugelschreiber auf einem Bettlaken festgehalten heute eines der Prachtstücke der Sammlung sowie 1992 in Originalsprache und in Folge auch in mehreren deutschen Ausgaben unter dem Titel „Keine einzige Lüge“ erschienen.

Im Rahmen des Festes werden die materialiter interessantesten Einsendungen des aktuellen Jahres ausgestellt. Neben der Hauptlesung gibt es ein Podiumsgespräch zwischen den Mitgliedern der Lektüregruppe und ausgewählten Einsenderinnen und Einsendern. Dieser festlich gerahmten Lese- und Gesprächskultur wohnt offensichtlich eine ganz eigene Faszination inne, möglicherweise weil sie sich auf die Macharten der Textäußerungen konzentrieren, ohne damit ihren Charakter als Lebensäußerungen auszublenden. So etwas, erklärt mir die Wahlitalienerin Stefanie Risse, Übersetzerin, Literaturagentin und Mitglied der Lesegruppe, könne sie sich in Deutschland nicht vorstellen, da doch die Grenze zwischen vermeintlich Privatem und vermeintlich Öffentlichem viel starrer zu verlaufen scheint. Liegt es am Ende daran, dass es ‚typisch’ deutsch ist, das Tagebuch einseitig als selbstbezügliches Medium des Intimen zu definieren?
… studieren und korrespondieren
Im Gefolge des erfolgreichen Archivios haben Saverio Tutino und Duccio Demetrio, Professor für Erwachsenenpädagogik in Mailand, im benachbarten Anghiari die Libera Università dell’Autobiografia (http://www.lua.it) gegründet. Hier kann man sich in einem zweijährigen Studium zur Expertin, zum Experten für die sogenannte „autobiografische Methode“ ausbilden lassen. Diese Methode zielt weniger auf das Lesen, denn auf das Schreiben von autobiografischen Texten, was aktuell in sozialen Arbeitsbereichen Anwendung findet, insbesondere in der Sterbehilfe oder in der kulturellen Integration. Die Studierenden müssen zunächst einmal im Selbstversuch ihre Autobiografie verfassen. Ein Blick in die umfangreiche Publikationsreihe des Premio Pieve kann zeigen, dass eine angemessene Autobiografie nicht an literarische Ambitionen gebunden ist, sondern eher damit zusammenhängt, ob man schreibend eine eigene Textform für die Lebensinhalte zu finden vermag. Übrigens werden hier auch internationale Tagungen und mehrsprachige Ferienkurse angeboten.
Stefanie Risse, Dozentin an der Freien Universität, hat hier 1999 ein neues Projekt installiert, das sich dem Austausch von autobiografischen Mitteilungen zwischen Unbekannten widmet.

Der Circolo di Scrittura autobiografica a distanza
(http://www.lua.it/angh/circolo/circolo.html) arbeitet mit einer englischen, einer finnischen und einer deutschen Initiative zusammen, die jeweils einmal jährlich drei Themenvorschläge wie „Ihre erste Erinnerung“, „Eine haarige Geschichte“ oder „Wann fühlten Sie sich europäisch?“ herausgeben, auf die dann in ganz Europa brieflich geantwortet wird und die wiederum miteinander vernetzt werden per Post. Die Idee, das liegt aus der Perspektive „vom Tagebuch zum Weblog“ nahe, hat hohe Affinitäten zum idealtypischen worl-wide-webbing. Gerade hierzu gibt es eine klare konzeptuelle Linie des Circulo: Während Organisatorisches meist elektronisch kommuniziert wird, wird jegliche Korrespondenz handschriftlich geführt. Das liegt auch, aber keinesfalls nur an der Altersstruktur der Teilnehmenden. Vielmehr ist es gerade die neue Sensibilität für die Handschrift, die hier als Teil und nicht nur als Träger einer schriftlichen Aussage begriffen wird. Ein zig mal durchgestrichener Satz etwa liest sich eben ganz anders als eine Folge von Bildschirm-Buchstaben.
Zum Schluss mein persönlicher Dank an Stefanie Risse, die mich im Frühsommer vor Ort durch Universität und Archiv geführt hat und dabei in ihrer mitreißenden blitzgeschwinden Zweisprachigkeit direkte Einblicke in die Arbeit in Anghiari und Santo Stefano gewährte. Meine persönliche Empfehlung: Wer irgend kann, sollte unbedingt einmal vor Ort feiern und forschen!
Christiane Holm
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